Ethische Aspekte von Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften
Ziel der Auseinandersetzung mit ethischen Aspekten ist es, die Verantwortung von Wissenschaft im Forschungsprozess bewusst zu reflektieren und mögliche Risiken durch Forschung für Einzelne, für die Gesellschaft, für Tiere, Kulturgüter oder die Umwelt abzuwägen und Schaden zu vermeiden.
In den verschiedenen Disziplinen haben sich unterschiedliche Standards und Formen des Umgangs mit ethischen Aspekten in der Forschung entwickelt. Fachgesellschaften und Berufsverbände aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften haben in aller Regel Richtlinien der Forschungsethik formuliert. Unabhängig vom Grad der Standardisierung in den jeweiligen Disziplinen sind grundsätzlich forschungsethische Aspekte für die Planung und Durchführung von Forschungsvorhaben relevant und eine entsprechende Reflexion ist daher erforderlich.
Bedeutung und Ausmaß möglicher Risiken von Forschung hängen stark von der jeweiligen Thematik, Zielsetzung und Methodik eines Forschungsvorhabens ab. So werfen Forschungsvorhaben, an denen neben den Forschenden weitere Personen beteiligt sind, andere ethische Fragen auf als beispielsweise philologisch orientierte Forschung.
Besondere Risiken können bei Forschungsvorhaben entstehen, an denen Personen beteiligt sind, für die ein besonderes Schutzbedürfnis gilt, wie etwa bei Personen mit eingeschränkter Einwilligungsfähigkeit. Gleiches gilt, wenn die Untersuchung und das dabei eingesetzte Material bei den Teilnehmenden (Interviewte, Informant*innen, Mitarbeiter*innen am Projekt, Forschende und Beforschte) starke Emotionen, starken psychischen Stress oder traumatische Erfahrungen auslösen können, die über alltägliche Erfahrungen hinausgehen. Auch muss reflektiert werden, ob Untersuchungen physische Risiken für die Teilnehmer*innen implizieren oder sie besonderen Risiken (wie sozialen Risiken, Risiken einer straf- oder zivilrechtlichen Haftbarkeit, finanziellen Verlusten, beruflichen Nachteilen oder Rufschädigung; dem Risiko durch eine schwierige Sicherheitslage im Untersuchungsgebiet) aussetzen.
Forschungsvorhaben, bei denen potenziell Teilnehmende vorab nicht über die Untersuchung oder über die möglichen Risiken der Teilnahme und Maßnahmen zur Schadensvermeidung informiert werden oder bei denen die Teilnehmenden nicht vollständig über die Ziele der Untersuchung aufgeklärt werden können, erfordern ein besonderes Maß an Reflexion und Abwägung.
Wissenschaftler*innen sollten neben der eigenen Reflexion dieser ethischen Aspekte grundsätzlich prüfen, ob für ihr Vorhaben die Stellungnahme einer Ethikkommission erforderlich ist.
In den Geistes- und Sozialwissenschaften fehlen mancherorts fachlich zuständige Ethikkommissionen, die Wissenschaftler*innen durch Beratung und eine Bewertung von ethischen Aspekten unterstützen können. Den Fachgesellschaften kommt daher eine besondere Rolle in der Entwicklung fachspezifischer Leitlinien zu. Aber auch wissenschaftliche Einrichtungen stehen vor der Herausforderung der fachspezifischen Beratung von Wissenschaftler*innen und der Bewertung forschungsethischer Aspekte.
Die weiterführenden Links enthalten Verweise auf Internetseiten, die Informationen zu Ethikkommissionen und Ethikkodizes / Berufsethischen Richtlinien in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie zu hilfreichen Ressourcen zum Thema Forschungsethik bieten.