Replikation als Bestandteil der Qualitätssicherung in den Geistes- und Sozialwissenschaften
Das systematische Prüfen und Anzweifeln wissenschaftlicher Erkenntnisse ist grundlegend für den Forschungsprozess. In den Sozialwissenschaften, aber auch in bestimmten Forschungsansätzen der Geisteswissenschaften (z. B. in der Archäologie und den Digital Humanities) ist die Replikation, neben anderen Verfahren, ein wichtiges Element der Qualitätssicherung von Erkenntnissen. Das gilt insbesondere, wenn diese mit quantitativen Methoden gewonnen wurden (siehe (externer Link)). Replikation und Replizierbarkeit sind selbst Gegenstand wissenschaftstheoretischer und methodologischer Untersuchungen. Um die unterschiedlichen Facetten der Replikation in den Geistes- und Sozialwissenschaften und die unterschiedliche Verwendung des Begriffs in der Literatur zu ordnen, ist eine Unterscheidung nach zwei Dimensionen hilfreich (Freese & Peterson, 2017):
1) Wird für eine Replikation der Originaldatensatz verwendet oder werden neue Daten erhoben?
2) Ähnelt die Replikationsstudie der Originalstudie sehr in der Methodik oder gibt es deutliche Unterschiede?
Hieraus ergeben sich vier verschiedene Formen der Replikation:
a) die Wiederholung einer Studie anhand des Originaldatensatzes und mit den gleichen Analyseschritten wie in der Originalstudie;
b) die Wiederholung einer Studie anhand des Originaldatensatzes, aber mit anderen Analyseschritten;
c) die Wiederholung einer Studie mit neu erhobenen Daten mit möglichst ähnlicher Methodik und Analyse (oft als „direkte Replikation“ bezeichnet);
d) die Wiederholung einer Studie mit neu erhobenen Daten und mit Unterschieden in der Methodik (oft als „konzeptuelle Replikation“ bezeichnet).
In vielen Fachgebieten der Geistes- und Sozialwissenschaften gelten alle Formen der Replikation, insbesondere jene der Kategorien b), c) und d), als wichtige Elemente der Qualitätssicherung. Sie tragen zudem, wie die Untersuchung „neuer“ Effekte, zum kumulativen Erkenntnisgewinn bei und sollten daher grundsätzlich auch veröffentlicht werden; einige Zeitschriften bieten hierfür eigene Rubriken an. Die Durchführung von Replikationsstudien von Typ a) und b) setzt voraus, dass die Originalautoren ihre Forschungsdaten für Dritte nachvollziehbar dokumentieren und zur Verfügung stellen (siehe auch Kommentar „Umgang mit Forschungsdaten in den Geistes- und Sozialwissenschaften“). Um Dritten zu ermöglichen, eine Replikationsstudie nach Typ c) und d) durchzuführen, ist in Veröffentlichungen eine nachvollziehbare Beschreibung der gesamten Methodik nötig. Dies beinhaltet u. a. eine detaillierte Beschreibung der Hypothesen, der Stichprobe, des Untersuchungsablaufs, der verwendeten Materialien, der Software und des Programmcodes, aller erhobenen Variablen sowie aller durchgeführten statistischen Analysen.
In den Geistes- und Sozialwissenschaften können viele der untersuchten Phänomene und Effekte vom jeweiligen Kontext (z. B. Zeit und Ort der Untersuchung, Charakteristika der Probandinnen und Probanden) abhängig sein. Die Frage, unter welchen Bedingungen eine Replikation als „direkt“ gelten kann, ist demnach von zentraler Bedeutung.
In einigen Fächern gibt es aufgrund von mehreren Replikationsstudien, die auf eine geringe Replizierbarkeit vieler Studien hindeuten, seit mehreren Jahren einen intensiven wissenschaftlichen Diskurs über die möglichen Ursachen hierfür. Daraus ging auch eine Reihe von Empfehlungen zur Erhöhung der Replizierbarkeit hervor. Diese betreffen die Stichprobenplanung, das Studiendesign, die statistische Auswertung und das Forschungsdatenmanagement sowie die Hypothesen- und Theoriebildung. Für die Qualitätssicherung von Erkenntnissen und den kumulativen Erkenntnisgewinn ist es demnach wichtig, dass Wissenschaftler*innen bei der Planung und Durchführung ihres Forschungsvorhabens Fragen der Replizierbarkeit und Replikation der Erkenntnisse mit reflektieren. Aber auch Verlage und Infrastruktureinrichtungen spielen hier eine wichtige Rolle und können entscheidend dazu beitragen, dass die Durchführung und Veröffentlichung von Replikationsstudien erleichtert wird. In den weiterführenden Links finden sich Verweise auf einige Leibniz-Institute aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, die hilfreiche Ressourcen und Dienstleistungen für die Durchführung von Replikationsstudien zur Verfügung stellen.